Michael Kleeberg
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Der Idiot des 21. Jahrhunderts ist nicht nur ein zutiefst humanistisches Buch, es ist auch große Literatur.

Stefan Höppner in Literaturkritik.de

Dezember 2019

 

Wenn sich Literatur heute vom Divan inspirieren lässt, dann nicht, um aus der Gegenwart zu fliehen, sondern um sich mit ihr auseinanderzusetzen. Dies gilt auch für Michael Kleebergs Roman Der Idiot des 21. Jahrhunderts und die Gedichtsammlung A New Divan, die beide auf ihre Art den Dialog zwischen islamischen und westlichen Kulturen propagieren. Dabei ist der 1959 geborene Kleeberg trotz langer Karriere als Romancier eher ein Geheimtipp im Literaturbetrieb. Der Idiot des 21. Jahrhunderts. Ein Divan, sein dreizehnter Roman, zitiert im Titel neben Goethe gleich noch Fjodor M. Dostojewskis Helden Fürst Myschkin an, der fast zu gut für diese Welt ist, und am Ende seines Romans dem Wahnsinn verfällt. Ganz so dramatisch geht es bei Kleeberg nicht zu. Vielmehr nimmt er den Titel Divan ernst, der auch Sammlung, Zusammenkunft bedeutet. Im Haus des Paares Bernhard und Ulla, gelegen in Hauenstein im Taunus, kommt an einem Augustabend des Jahres 2015 ein großer Kreis von Verwandten, Freunden und anderen Gästen zusammen, um einander Geschichten aus ihrem Leben zu erzählen.

Das Besondere ist nun, dass hier Gäste mit sehr unterschiedlichen Lebensläufen zusammenkommen. Nicht nur aus Hessen, sondern auch aus dem Iran, Syrien und dem Libanon. Ihre Geschichten verweben sich miteinander, ebenso wie viele der Figuren eine Biografie haben, die sich über mehrere Länder erstreckt. Wie nebenbei erfährt man etwas über die Gesellschaftsstruktur von Beirut während des Bürgerkriegs oder die strenge Ausbildung im persischen Gesang. Ein berühmter arabischer Dichter geht auf Lesetour, verliert seinen Mantel samt Ausweis und wird ins Asylbewerberheim gesperrt, während sein in Deutschland gekauftes Kleidungsstück an seiner Stelle vorträgt und politische Statements abgibt. Ein polnischer Handwerker berichtet von seinen regelmäßigen Reisen in den Westen, eine alte Frau von einer wahnwitzigen Flucht unter der Berliner Mauer hindurch. Der titelgebende „Idiot“ ist der Musiker und Lehrer Hermann, der gemeinsam mit der Perserin Maryam die größte Liebesgeschichte des Romans erlebt.

Ganze Welten, die der Leserin eines deutschen Durchschnittsromans sonst entgehen, werden in diesem Buch im Vorbeigehen erschlossen. Das ist Literatur, in der es um die existenziellen Dinge geht, und das auf hohem sprachlichem Niveau, in einer stilistischen Vielfalt, die ihresgleichen sucht; der Text changiert zwischen hoher Poesie, Traktatton und schnodderigem Alltagsjargon, je nachdem, was die Handlung gerade fordert. Das hat so gar nichts von den betont coolen, aber gleichförmigen Fünfwortsätzen, die man mit den Schreibschulen von Hildesheim und Leipzig verbindet.

In der Mischung, den hybriden Biografien vieler Figuren sind Orient und Okzident tatsächlich nicht mehr zu trennen, ganz wie Goethe dekretierte. Was nicht heißt, dass Kleeberg den Islam und die Muslime idealisiert. So lässt er einen assyrischen Christen aus Frankfurt zu Wort kommen, der vor der Übernahme Europas durch den Islam warnt. IS-Anhängerinnen und überzeugte Salafisten werden zitiert, wenn nicht im Originalton, so doch in einer glaubwürdigen Simulation. Das düstere Leben im Iran, das die Sängerin Maryam über Jahre hinweg erdulden muss, wird ungeschönt geschildert. Der mantellose Dichter wird von brutalen Algeriern ausgeraubt. Aber all das gehört in ein größeres Bild, in dem Ost und West sich nicht wie Schwarz und Weiß gegenüberstehen, sondern in all ihrem Reichtum und mit allen Grautönen gezeichnet werden sollen. Das Buch stellt sich den besagten Fragen der Gegenwart, seine Bilanz fällt im Großen vorsichtig optimistisch aus, im Kleinen ohnehin: Der Zirkel der Figuren lebt nicht ohne Konflikte, aber im Großen und Ganzen verkörpert er ein harmonisches Miteinander. Der Idiot des 21. Jahrhunderts ist nicht nur ein zutiefst humanistisches Buch, es ist auch große Literatur.

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Original und Fälschung

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Pressestimmen

Das Beeindruckende an dem Roman ist die Fülle an Lebensgeschichten und berührenden Einzelschicksalen, die sich als großes Mosaik darbietet. (…) Ein reichhaltiger Roman, formal klug gebaut und inhaltlich gespeist von Poesie, Musik, Mythen und Historie. (…) Kleeberg spiegelt unsere eigene widersprüchliche Identität als Deutsche und Europäer, unsere irrsinnige Gegenwart. Helmut Haberkamm, Nürnberger Nachrichten

Dieser Roman bedient sich aller erzählerischen Register: des orientalischen Märchentons, der Legende, der mythischen Erzählung, der Parabel und des satirischen Dialogs, um vom drohenden ‘clash of cultures’ zu erzählen – und auch von den Möglichkeiten seiner Überwindung. Und er hat den Mut, den Geist der Utopie am Leben zu halten, den unsere ausgenüchterten Zeitdiagnostiker längst ad acta gelegt haben. Darmstädter Jury Buch des Monats e.V. (Michael Braun)

Ein großer west-östlicher Identitätsroman. Hans von Trotha, Deutschlandfunk Kultur

Das literarische Meisterwerk des Jahres für mich! Ein west-östlicher Divan in goethischer Prägung. Eine Sammlung von Geschichten aus Okzident und Orient, die ein gewaltiges Panorama der globalisierten Welt bilden. In einer Vielfalt von Stilen erzählt – atemberaubend. Joachim Scholl, Deutschlandfunk Kultur

[Ein] referenzpralles Wunderbuch. (…) Es geht stets darum, aus den gegenseitigen Vorurteilen die Luft herauszulassen, das Andere aus der Anonymität zu holen und damit nicht mehr ganz so leicht anfeindbar zu machen. Oliver Jungen, FAZ

Eine stilistisch und inhaltlich anregende Lektüre, die sich klug abhebt von gängigen Untergangsszenarien. Michael Hirz, Kölner Stadt-Anzeiger

Kleeberg ist ein hochintelligenter Erzähler, der virtuos mit dem Umstand spielt, dass die Literatur nicht anders kann, als sich Texte und Sprechweisen einzuverleiben. Er tut das mit offensichtlichem Vergnügen, mit Ernst und Ironie und großer Kunstfertigkeit. (…) In diesem Sinn feiert [der Roman] die Freundschaft, die Liebe und die Utopie. Davon kann es nie genug geben. Ulrich Gutmair, taz

Wuchtig und elegant (…) [Ein] anrührendes, ebenso tiefsinniges wie unterhaltsames, weltsorgendes wie menschenfreundliches Kunstwerk. Erhard Schütz, Der Tagesspiegel

Kleeberg ruft in diesem wirklich grandiosen Buch zur Differenzierung und zur unverstellten Wahrnehmung auf, und deswegen ist es ein Buch, das ich nötig finde und auf das ich, ohne es zu wissen, lange gewartet habe. Steffen Jacobs, kulturradio vom rbb

Permanent kreuzen und durchdringen sich Lebenswelten in diesem anspruchsvollen Roman, der reich ist an literarischen und philosophischen Querverweisen. Statt sie in den Kampf zu schicken, versöhnt er die Kulturen. Ute Büsing, rbb-Inforadio

Ein monumentales und dennoch leichtfüßiges Buch, ein Buch wie ein persischer Teppich. (…) Ein Werk voller Tiefgang, das gleichzeitig bestens zu unterhalten versteht. Irene Binal, ORF Ö1

Atmosphärisch dicht schreibt Kleeberg über eine von Konflikten und Kriegen erschütterte Welt. Angesichts der aufgeheizten Stimmung (…) ist dieser Roman ein eindringliches Plädoyer für mehr Freiheit und Humanität. Karoline Thaler, ORF

Literatur Michael Kleeberg webt von Clapton bis Dante alles mit ein. Man kann sein üppiges Buch kaum zu Ende lesen (…) Es gibt wohl wieder Bücher, die man nicht ausliest. Und das sind die wirklich wichtigen. Wilhelm Bartsch, der Freitag

Kleeberg liefert ein Zeugnis von den intensiven Vermischungen und Überlagerungen der Kulturkreise und unternimmt mit seinem kaleidoskopischen Erzählprinzip selbst den Versuch, diese vielen verschiedenen Stimmen und Klangfarben miteinander zu verknüpfen. Ein guter Einfall, der dem Ganzen von Anfang an eine Vielgestaltigkeit gibt. Maike Albath, Deutschlandfunk

Ein brisanter Beitrag zu dem vielstimmigen Gespräch, das unsere Gesellschaft derzeit mit sich selbst führt. Sieglinde Geisel, SRF

Das essentielle humanistische Werk des Jahres. Ein schillernder Roman über Identität, Zugehörigkeit, Dichtung, Religion, Philosophie, Musik und mythische Ursprungsgeschichte. (…) Ein ambitionierter, tollkühner, mutiger und respektvoller Roman. Eine literarische Herausforderung und ein Kandidat für zahlreiche Literaturpreise. Gérard Otremba, Sounds & Books

Was Kleeberg zusammenträgt, ergibt das Panorama einer von Konflikten, Terrorismus und Vertreibung erschütterten Welt – ein Buch, das im aufgeheizten Streit um die Abriegelung der europäischen Außengrenzen ein leuchtendes Mahnmal für Freiheit und Humanität darstellt. (…) Kleeberg ist sowohl ein Werk für den intellektuellen Spurensucher als auch für den politisch interessierten Leser gelungen. Björn Hayer, Spiegel Online

Michael Kleeberg hat einen vielschichtigen und erhellenden Roman über die Konflikte unserer Zeit geschrieben. Johannes Schröer, Domradio

Zwölf Kapitel, zwölf Geschichten ganz unterschiedlicher Natur, wir hören von Schicksalen aus dem Libanon, wir lesen über Flüchtlinge, aktuelle wie historische, es gibt einen Monolog eines deutschen Salafisten, es gibt Erinnerungen an Terroropfer. Zusammengehalten werden diese Erzählungen durch eine Art deutsches Personal, angesiedelt in Hessen. Zusammen ergibt das ein Panorama von allen derzeit im Wortsinn brennenden Problemen unserer Zeit: Krieg, Vertreibung, Flüchtlingsströme, Migration, Integration, Kultur, Versöhnung der Kulturen. Joachim Scholl, Deutschlandfunk Kultur

Der Idiot des 21. Jahrhunderts. Ein Divan

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28. Mai Verleihung des Gustav-Regler-Preise in Merzig im Saarland

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