Michael Kleeberg
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Achilles in Taormina

Michael Kleeberg auf der Suche nach Ernest Hemingways letztem Geheimnis

von Wolfgang Stockam 20. Januar 2026

Michael Kleeberg
Michael Kleeberg: Achilles in Taormina, Mai 2026.

Große Geheimnisse um diesen bärtigen Nobelautor gibt es eigentlich keine mehr. Jeder Winkel seines Lebens ist ausgeleuchtet, jeder Nerv gekitzelt. Doch nach Hinweis von Michael Kleeberg stolpert man in einem seiner Romane plötzlich über eine scheinbar harmlose Aussage: Am liebsten mochte ich Ernest Udet. Dieser kleine Satz hat sich in Hemingways Venedig-Werk Über den Fluss und in die Wälder eingeschlichen. Man liest schnell darüber hinweg, es sieht nach der üblichen Theken-Aufplusterei von Ernest aus. Oder doch nicht?

Kannte Ernest Hemingway den deutschen Jagdflieger des Ersten Weltkriegs? Jenes Flieger-Ass, das Carl Zuckmayer als General Harras im Theaterstück Des Teufels General nachempfunden hat. Waren Ernest Hemingway und der im Nazi-Sumpf versinkende Ernst Udet wirklich Freunde und tranken Bruderschaft? Kleeberg sucht akribisch nach Belegen für diese steile These. Und tatsächlich findet er allerlei Indizien in den lichten Sphären von Name-Drops und in Gestalt von Zeitzeugen. Wahr oder geflunkert?

Die Udet-Geschichte ist natürlich nur Vorwand. Vielmehr gilt es einem Mythos auf den Grund zu gehen. „Dem Geheimnis, dem Magischen, dem Unerklärlichen auf die Spur zu kommen, das den Normalmenschen von all denen unterscheidet, mit denen das Schicksal es besonders gemeint hat“, wie Michael Kleeberg treffend schreibt. Achilles in Taormina heißt sein neues Buch. Ein Leben auf der Suche nach Hemingways letztem Geheimnis. Auf 320 Seiten nimmt er uns mit zu einer wahnwitzigen Achterbahnfahrt durch die von Hemingway beeinflussten Schauplätze.

In bester Laune schlüpft der 66-jährige Berliner Autor dazu in die fiktionale Rolle des Hemingway-Forschers Dr. Kleeberg, Redakteur beim US-Magazin Atlantic Monthly, mit eigener – durchaus hemingway’esken – Biografie. Er geht in die Revolution nach Nicaragua, verliebt sich, er trifft später auf Agnes, die nun greise erste Liebe des jungen Hemingway. Er besucht Heinz Rühmann am Starnberger See, spricht mit der Tochter von Carl Zuckmayer in der Schweiz, er begibt sich zu Hemingways dritter Ehefrau Martha Gellhorn nach London und unterhält sich im Sun Valley mit Gregory, dem jüngsten Hemingway-Spross.

Michael Kleeberg, einer der interessantesten Schriftsteller seiner Generation, recherchiert gründlich, kann im Detail überzeugen und spannt mit Erfahrung den großen Bogen. Er ist ein Autor, der über den Tellerrand blickt, jemand, der mit bodenständiger Schwungkraft wandelt zwischen Tradition und Moderne. Kleeberg – auch so ein Unangepasster, den man in keine Schublade stecken möchte – legt seine Prosa kurzweilig und zielsicher an und ist frei von Gefallsucht in Bezug auf irgendwelche Communitys.

Die Frage bleibt: Warum hallt der „Hemingway-Sound“ über die Jahrzehnte hinweg so kräftig nach? „Es gelang Hemingway da etwas, was nur wenigen Autoren gelingt, nämlich eine Epoche zu prägen und zu definieren“, betont Kleeberg gleich zu Beginn seines Buches und hier liegt das eigentliche Geheimnis, das es zu entschlüsseln gilt. Wie schafft es ein Mensch, so einfach und dennoch mit Tiefgang zu schreiben? Wie kann jemand mit so vielen Narben auf der Seele eine solche Herzenswärme zu Paris und Pamplona auf Papier ausbreiten?

Munter mixt Michael Kleeberg die verbürgten Fakten und seine erfundenen Begebenheiten zu einem vielfältigen Kaleidoskop aus Realität und Fiktion. Raffiniert robbt sich Kleeberg an das literarische Mysterium heran, jenseits aller Klischees von Großwild-Jagd und Schnapsgedrossel. Beim Lesen bemerken wir, die Themen des Nobelpreisträgers von 1954 – die Lust am Leben, die Sehnsucht nach Liebe und der Kampf um Würde – sind längst nicht aus der Zeit gefallen. 

Mit Imagination steuert Kleebergs Roman in Taormina auf einen homoerotischen Höhepunkt zu, inklusive der Entdeckung einer diesbezüglichen Kurzgeschichte des Jungen Nick. „Ein Mann, der sich in Männergesellschaft so pudelwohl fühlt und alle bannt, obwohl er mit Abstand der jüngste ist, und dabei permanent von Frauen redet – was will der?“ Der Drang zur Männlichkeit im männlichen Verbund enge ihn ein, meint Kleeberg. Doch für die Befreiung aus dieser Bedrängnis fehle ihm Kraft und Hoffnung. Auch hier bleibt die Zerrissenheit.

Tief greift Michael Kleeberg in die stilistische Trickkiste: Authentizität, Täuschung und Imitation nutzt er als Brückenschlag zum großen Vorbild. Voller Rasanz heftet sich der Protagonist an die Fersen von Ernesto, mit jedem Kapitel mehr schwärmt sich der gebürtige Stuttgarter in einen Rausch. Weil Tatsächliches und Fabuliertes von ihm so virtuos verschachtelt wird, weiß man am Ende nicht mehr, wo oben und unten ist. Ist vielleicht auch unwichtig. Dies kennen wir seit Hemingways Lebzeiten. Wahr und erfunden – es sind nicht Kategorien, die so richtig zu einem bunten Leben passen.

Wer diesen Rabauken aus Oak Park bei Chicago in seiner vollen Bedeutung begreifen will, der muss den Mythos in die heutige Zeit hieven. Letztlich muss sich jede kluge Annäherung an Hemingway vor allem mit dem Hemingway in uns befassen. Diesen emotionalen Stellenwert für die Gegenwart zu enthüllen, kann ohne einen Schuss Phantasie wohl nicht gelingen. In seinem literarischen Übermut hat Michael Kleeberg etwas geschafft, was nur wenigen gelungen ist: Wir bemerken eine neue Verletzlichkeit an Ernest Hemingway. Eigenart und Gemütslage dieses grandiosen Schriftstellers rücken uns näher. Und siehe da: Auf einmal bewegt sich das Denkmal.

Michael Kleeberg
Achilles in Taormina
Hardcover, 320 Seiten, 28 Euro
ISBN: 978-3-328-60276-7
Penguin Verlag München
erscheint am 27.05.2026

Sounds and Books

„Präzise und detailliert schildert Michael Kleeberg Karlmanns Abgesang aus der gewohnt übergeordneten Erzählinstanz, die manchmal ganz nah an seine Hauptfigur rückt, wieder auf Abstand geht und manchmal sogar die Leser direkt anspricht. Kleeberg verfügt über einen scharfen Blick auf gesellschaftlich relevante Strömungen, von AfD über Corona-Impf-Skeptizismus bis zur Wokeness-Thematik. Mit seiner „Karlmann“-Trilogie hat der in Berlin lebende Schriftsteller eines der bedeutendsten gesellschafts- und zeitgeschichtlichen Werke bundesrepublikanischer Literatur verfasst. „

Deutschlandfunk Büchermarkt 5.12. 2023

16.10 Uhr Jörg Magenau über „Dämmerung“

„Michael Kleeberg liefert die boshaft-präzise Studie einer alternden Gesellschaft und einer selbstvergessenen Generation. Das Geburtstagskapitel ist furios erzählt, glänzend geschrieben, voll
entlarvender Beobachtungen und erhellender Gedanken.“

“ Kleeberg ist als Übersetzer aus dem Französischen erkennbar bei Marcel Proust in die Lehre gegangen. Allerdings hat er die kapriziöse Distinguiertheit Prousts durch die Lektüre amerikanischer Romane von John Updike oder Philipp Roth mit einer ironisch grundierten Grobheit gegerbt. Stilprägend ist dabei die Instanz des Erzählers, der als beweglicher Geist über allen Wassern schwebt. Mal mischt er sich in der Ich- oder Wir-Form ein, mal spricht er seine Figur als Du direkt an, scheut aber auch nicht die Rolle des allwissenden Erzählers, der Charlys Gedanken wiedergibt.“

„Den Stillstand der Coronajahre erfasst Kleeberg meisterlich, indem er ein Kapitel einschiebt, in dem es darum geht, die Ereignislosigkeit auszuhalten. Es beginnt mit einer großartigen Beschreibung des Frühlings, der im Jahr 2020 vielleicht deshalb so überaus herrlich unter einem kristallklaren Himmel erblühte, weil sonst so wenig geschah. Von da aus steigert sich
die Stimmung in den von sozialen Medien und Verschwörungsanhängern angeheizten Irrsinn hinein, indem sich widersprechende Theorien, absurde Ängste und demonstrative Ignoranz allmählich jede Wahrheit von innen aushöhlen, bis sogar der gute Charly nicht mehr weiß, was er glauben soll.
Überhaupt die Porträts! All die Figuren, die im Lauf des Romans auftauchen und sich zum Gesellschaftspanorama addieren: die Bischöfin mit der „eigenartig verklumpten Legierung aus Religiosität und Egozentrik“ etwa, die die Rede bei der Beerdigung von Charlys Vater hält. Oder die Junior-Chef-Generation, die den verdienten Mitarbeiter Karlmann Renn nach
25 Jahren mit warmen Worten in den Ruhestand schickt. Oder die in einer
drogenverhangenen Pubertät verlorengehende Tochter Luisa.“

Das alles ist so klug wie komisch, so tiefgreifend wie unterhaltsam, so einfühlsam wie mitleidslos, so ausschweifendwie exakt komponiert. Michael Kleeberg hat mit „Dämmerung“ einen großen, meisterhaften Gesellschaftsroman geschrieben. Die zeitdiagnostische Karlmann-
Trilogie gehört zum unverzichtbaren Bestand der Gegenwartsliteratur.“

SWR-Bestenliste Dez. 2023

„Abschied von Charly Renn aka Karlmann, dem Michael Kleeberg nun den dritten und auch letzten Roman widmet. Zum 60. Geburtstag seines Helden lässt Kleeberg diesen ein großes Fest feiern und Bilanz ziehen, die nicht nur eine persönliche ist, sondern naturgemäß auch die der Epoche. Im Wechsel zwischen erster und dritter Person meldet Kleeberg den Anspruch individueller wie gesellschaftlicher Gültigkeit an, und das gelingt unter anderem deshalb, weil Kleeberg seine Figur ebenso ernstnimmt wie dessen Wahrnehmungen. Hier wird nichts vorgeführt, sondern alles ist einer präzisen Betrachtung unterworfen.Die Corona-Pandemie kommt ins Spiel, der Krieg in der Ukraine, aber auch mit heftigen MeToo-Vorwürfen ist Charly konfrontiert. Darüber hinaus hat er Ärger mit dem Erbe, das sein Vater ihm hinterlassen hat, und mit seiner Tochter, für die er ein Fremder ist. „Durch alle möglichen Scheußlichkeitsmühlen“, so formuliert der Autor selbst es, hat er seine Figur gedreht, weswegen der Roman fairerweise dann auch der Hauptfigur selbst gewidmet ist. Immerhin hat sie all das heldenhaft überlebt. Knapp vierzig Jahre bundesrepublikanischer Zeitgeschichte laufen in Kleebergs „Karlmann“-Romanen nebenher mit. Ein deutscher Rabbit sozusagen. Ein Durchschnittsmann, der nicht liest und der insgesamt von Kultur eher abgeschreckt ist. Ist er ein Opportunist? Ein Widerling gar? Oder ein Jedermann? Zumindest ein Mann, dessen Zeit, wenn man sich draußen so umhört, eigentlich abgelaufen sein müsste. Umso besser, dass er durch und mit Michael Kleeberg noch einmal zu großer Form aufläuft.“

Dämmerung

Der Abschlussband der Karlmann-Trilogie

Tobias Rapp im Spiegel:

Kleebergs Kunst liegt in seiner ziemlich einzigartigen Gabe zur reflektierten Einfühlung – man steckt immer gleichzeitig drin in diesem Charly Renn und betrachtet ihn von außen. So ist ihm gelungen, was es in der Literatur nur selten gibt: aus dem Leben einer Figur das Abbild einer Epoche zu erschaffen.

Erhard Schütz im Tagesspiegel:

Wohl keiner der aktualaktivistischen Romane der letzten Jahre hat eine so tiefgehende Bilanz des Lebens, nicht nur das des Protagonisten, sondern schlechthin für unsere Gegenwart gezogen, aus tragischen und komischen, banalen und existentiellen Momenten eine so tiefe Lebensdurchdachtheit heraufbefördert.

Burkhard Müller in der Süddeutschen Zeitung:

Mit „Dämmerung“ legt Kleeberg nach „Karlmann“ und „Vaterjahre“ den dritten Teil seiner Karlmann-Trilogie vor, mit der er vierzig Jahre Sozialgeschichte der alten und der neuen Bundesrepublik abdeckt, ein hierzulande beispielloses Projekt.
Sucht man nach Vergleichbarem, bietet sich am ehesten John Updikes „Rabbit“-Serie an.

Ulrich Steinmetzger im Mannheimer Morgen:

Nun ist der Plan erfüllt in größter Opulenz und Wucht und im Windschatten weltliterarischer Ahnen wie Proust, Stifter oder Thomas Mann. Nach „Karlmann“ und „Vaterjahre“ (2014) liegt mit „Dämmerung“ der letzte Band der knapp 1500-seitigen Trilogie vor, in der die Jahre des Be- rufslebens dieses Karlmann Renn von 1985 bis in unsere unmittelbare
Gegenwart geschildert werden in einer Sprachgenauigkeit, wie sie in un-
serer Literatur ihresgleichen sucht.


Glücksritter ist erschienen

Der Titel „Glücksritter“ ist die einzige ironische Volte des Buches. Ansonsten ist der Ton behutsam, dem Subjekt seiner Neugier zugewandt, suchend, weder anklagend noch exkulpierend. Es gibt nichts zu enthüllen, aber einiges zu entdecken. Und gerade dahin liegt die Freiheit dieser Prosa, die sich verweigert, etwas zu „zeigen“, zu „demaskieren“ oder anzuklagen. Stattdessen wird erzählt und manchmal auch heraufbeschworen. Wer Kleebergs Generation angehört, wird so manches wiedererkennen. Und einiges neu sehen. En passant gelingen unterschwellig interessante Generationenskizzen, wie man sie ähnlich beispielsweise in Kleebergs „Karlmann“-Romanen schon kennt. Ja, „Glücksritter“ ist ein wunderbares, ein zutiefst wahrhaftiges, grandioses Buch.

Lothar Struck in „Glanz und Elend“, 20.8. 2020

Coronazeit ist Lesezeit –

Hier findet ihr meine Lektüretipps

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Stefan Höppner in Literaturkritik.de

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Wenn sich Literatur heute vom Divan inspirieren lässt, dann nicht, um aus der Gegenwart zu fliehen, sondern um sich mit ihr auseinanderzusetzen. Dies gilt auch für Michael Kleebergs Roman Der Idiot des 21. Jahrhunderts und die Gedichtsammlung A New Divan, Read the rest of this entry »

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